Presse: Haller Tagblatt interviewt Senior-Experten Dieter Müller und Frieder Münz

Foto: T. Selvakumaran

Liebe Freunde, Paten und Unterstützer, wir freuen uns sehr über das Interview im Haller Tagblatt, dass die Presse mit den beiden Senior-Experten Dieter Müller und Frieder Münz führte. Wer gern eine Patenschaft für unsere Kinder und Jugendlichen über den Verein oder die Waldorf School Windhoek abschließen möchte, findet unten Links dazu.

 

„Berufliche Bildung für alle“

Engagement: Dieter Müller und Frieder Münz bringen als Senior-Experten Projekte der Stadt Hall mit Namibia voran. Neu ist dabei eine kommunale Klimapartnerschaft.

 

Wie entstand die Partnerschaft mit Namibia?

Sie ging aus einem anderen Projekt hervor. In meiner Zeit als Leiter der freien Schule Anne-Sophie in Künzelsau habe ich den Schulleiter der Waldorfschule in Windhoek kennengelernt. Marion Würth unterstützt die Schule in Windhoek vor allem im kulturellen Bereich. In diesem Zusammenhang trat ein Schülerchor auch in Hall auf. Der OB der Stadt wurde darauf aufmerksam.

Dann kam ich ins Spiel. Ich war bereits durch einen Studienfreund in Namibia unterwegs. Der OB hat mich 2014 angesprochen und gefragt, ob ich mir  vorstellen könnte, nach Namibia zu reisen und dort Möglichkeiten für eine Städtepartnerschaft zu prüfen. Ich habe gerne Ja gesagt.

 

Welche Beziehung haben Sie zu Namibia?

Durch den Studienfreund, der seit mehr als 15 Jahren in Namibia lebt und dort mit einer Frau vom Ovambostamm verheiratet ist. Bei meinen Rundreisen habe ich eine andere Welt kennengelernt. Mich faszinieren die Herzlichkeit der Menschen und die unendliche Weite.

Ich habe mir die Frage gestellt, wie das ehemalige Kolonialland heute funktioniert, wie der Umbruch gelungen ist, was aus der Apartheid, der staatlich festgelegten und organisierten Trennung von Menschen mit schwarzer und weißer Hautfarbe geworden ist.

 

Wie ist die Entwicklung?

Wo die Jugend nicht getrennt wird, da wächst etwas zusammen. Sonst sind die Menschen mit weißer und schwarzer Hautfarbe eher für sich. De facto ist die Apartheid noch nicht überwunden. Das liegt an beiden Seiten.

 

Bekommen Sie als Senior-Experten Geld?

Nein, das ist eine ehrenamtliche Aufgabe. Es werden Reisekosten ersetzt und Ausgaben für die Versicherung übernommen.

 

Zuerst war die Region Ondangwa im Norden im Visier – warum?

Durch ein Vorstandsmitglied der Waldorfschule in Windhoek, das aus Ondangwa kommt.

Der Norden ist im Schatten der Metropole Windhoek, steht aber im Fokus der Regierung, soll entwickelt werden. Dort leben zwei Drittel der Bevölkerung Namibias. Es ist fruchtbares Land.

 

Warum wurde nichts daraus?

Es gab kein inhaltliches Thema zu einer möglichen Partnerschaft mit Hall, wie wir uns das damals vorgestellt haben. Es fehlte an verlässlichen Strukturen. Die Strukturen sind stammesgeprägt.

 

Was bedeutet das?

Der Bürgermeister der Region hat seine Familie im Blick. Das Allgemeinwohl steht nicht an erster Stelle. Jeder denkt eher an sich, an sein nahes Umfeld. Fachliche Inhalte leiden häufig darunter.

 

Der verlässliche Partner ist nun die Waldorfschule in Windhoek?

Ja, wir haben beschlossen, mit einer projektbezogenen Partnerschaft zu beginnen, mit der Waldorfschule als Anker.

 

Worauf liegt der Schwerpunkt?

Es ist vor allem eine Bildungspartnerschaft, es geht aber auch um gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklung. Auf dem Gelände der Waldorfschule wurden mit finanziellen Mitteln der Stadt Hall Werkstätten gebaut, die zu einem Berufsbildungszentrum ausgebaut werden.

 

Bekommt die Waldorfschule nicht schon genügend Geld – durch das Würth-Engagement?

Nein, die Waldorfschule bekommt keine staatliche Förderung, braucht dringend Geld, weil ein großer sozialer Anspruch dahintersteckt. 30 Prozent der Schüler zahlen nichts, weitere nur Teilbeträge, da sie sonst die Schule nicht besuchen könnten. Das gleichen Sponsoren aus. Die Schule benötigt für diese vielen Kinder Spenden. Bereits mit 10 oder 20 Euro monatlich können die Schulkinder über unseren Förderverein unterstützt werden. Die Waldorfschule bekommt so eine Mischung zwischen jungen Menschen mit schwarzer und weißer Hautfarbe – ein sehr gutes Mittel gegen Apartheid.

 

Was ist der Kerngedanke?

Es geht um Bekämpfung der Armut, der Arbeitslosigkeit bei Jugendlichen, die bei 60 Prozent liegt, und um Zukunftsperspektive. Berufliche Bildung für alle. Jeder soll eine Bildungschance bekommen und jeder Schüler die Schule mit einer Berufsqualifikation verlassen. Es  gilt das  System der Staaten im südlichen Afrika.  Anstatt des Gesellenbriefes sind in unterschiedlichen zeitlichen Stufen Abschlüsse möglich.

Es werden neue Projekte angestoßen. Es soll neben der elektrotechnischen eine kaufmännische Ausbildung aufgebaut werden. Das gab es zuvor so noch nicht in Namibia.  Künftig werden staatliche Ausbildungsmittel fließen. Das Projekt hat nationalen Modellcharakter.

 

Was lernen die Schüler?

Die vier Berufsfelder Elektronik, Hotelfach und Gastronomie, Landwirtschaft und Kaufmännisches. Vor allem kaufmännische Grundprinzipien werden in Namibia wichtiger. Es läuft sonst vieles nach dem  Prinzip: Beschäftige deine Leute, bezahle sie, aber mach’ so wenig Verträge wie möglich. Qualifizierte Ausbildung kommt spät oder interessiert eher nicht. Nun wurde Mindestlohn eingeführt, aber eine Putzfrau bekommt in Windhoek 60 Cent pro Stunde bei ähnlichen Lebensbedingungen wie bei uns.

 

Wie viel Geld ist bislang von der Stadt Hall nach Namibia geflossen?

Zwischen 70 000 und 80 000 Euro – im Haller Gemeinderat wurde beschlossen, die Partnerschaft mit finanziellen Mitteln in Höhe von einem Prozent der allgemeinen Geschäftstätigkeit der Haller Beteiligungsgesellschaft zu unterstützen.

 

Was wurde damit gemacht?

Vor allem wurde das Berufsbildungszentrum am Standort der Waldorfschule in Windhoek auf- und ausgebaut.

 

An Pfingsten waren Gesundheitsminister und Botschafter zu Besuch in Hall: Was kam bei dem Besuch heraus? Wie geht es weiter?

Wir haben vor, eine kommunale Klimapartnerschaft mit der Stadt Okahandja im Zentrum Namibias zu gründen. Daraus könnte eine richtige Städtepartnerschaft mit Hall werden. Die Stadt hat rund 20 000 Einwohner. Dabei arbeiten zwei Städte regelmäßig auf den Gebieten Klimaschutz und Klimaanpassung zusammen. Das Projekt läuft über Engagement Global, im Auftrag des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, und soll im Oktober starten.

 

Welche Entwicklungsmöglichkeiten sehen Sie für die projektbezogene Partnerschaft mit Namibia noch?

Neben dem Bildungs- vor allem im Kultur- und Energiebereich. Eine Idee im kulturellen Bereich ist, dass Sieder 2018 nach Namibia reisen. Kürzlich waren Waldorfschüler aus Windhoek in Hall, um Praktika zu machen. Waldorfschüler aus Windhoek sollen nach ihrer Schulzeit eine zweieinhalbjährige Ausbildung bei Firmen in Hall machen. Im Gastronomie- und Hotelbereich gibt es großes Interesse. Ziel: 2019 starten die ersten jungen Menschen aus Namibia bei uns eine Ausbildung.

 

Worauf kommt es vor allem an?

Wenn es gelingt, die Elektrikerausbildung in Namibia zu stabilisieren, dann entsteht eine gute finanzielle Grundlage für die Schule und für alles Weitere. Ich sehe die kommunale Klimapartnerschaft mit weiteren Photovoltaik-Projekten als  einen weiteren Baustein. Es geht um Wissenstransfer von uns nach Namibia, um dort gute Wege für die Solarenergie zu finden.

 

Wann fliegen Sie wieder nach Namibia? Was sind Ihre Aufgaben?

Im September oder Oktober. Ich werde Bildungspläne  weiterschreiben, die Entwicklung der Berufsfelder am Schulzentrum in Windhoek begleiten und die  Ausbilder unterstützen.

Ich  möchte schauen, wie ich den Aufbau des kaufmännischen Ausbildungsbereiches unterstützen kann und werde mich um vororganisatorische Aufgaben für die Klimapartnerschaft mit Okahandja kümmern.

 

In Rente und ehrenamtlich engagiert:

Dieter Müller wurde am 1. Oktober 1954 in Künzelsau geboren, wohnt in Hall. ist verheiratet und hat eine Tochter. Nach einer Ausbildung als Fernmeldetechniker und über zehnjähriger Tätigkeit beim damaligen Fernmeldeamt studierte Müller in Hamburg Volkswirtschaft. Er war bei der Arbeiterwohlfahrt in Stuttgart und Hall beschäftigt, arbeitete ab 1992 in der Personalplanung der Bausparkasse. In 2001 und 2002 übernahm er die Personalleitung beim Diak und wechselte ab 2003 wieder in die VR Kreditwerk AG zurück. Ab 2007 war er dort Leiter des Bereichs Personal. Seit 2012 ist er im Vorruhestand. Er reist gerne und genießt  seine Hobbys Rennradfahren und Wandern. Ehrenamtlich engagiert er sich im Vorstand der Haller AWO.

Frieder Münz wurde am 2. April 1947 in Mulfingen-Hollenbach geboren und wohnt in Hollenbach. Er ist verheiratet und hat drei Kinder. Nach einer Ausbildung zum Landwirt studierte er Lehramt für Grund- und Hauptschule und arbeitete von 1973 bis 2006 als Lehrer im Bildungszentrum Niederstetten. Dann baute er die Freie Schule Anne-Sophie in Künzelsau mit auf und übernahm dort nach einem Jahr die Schulleitung. Er arbeitete dort bis 2011, dann ging er in den Ruhestand. In seiner Freizeit fährt er gerne Liegerad, macht Musik, reist und interessiert sich für Literatur. Im ehrenamtlichen Bereich hat er unter anderem die Theatergruppe in Hollenbach aufgebaut und ein Hilfsprojekt in Marokko betreut.

Link zum Haller Tagblatt: www.swp.de/schwaebisch_hall/lokales/schwaebisch_hall/_berufliche-bildung-fuer-alle_-15502712.html

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